Sana Blaubuch
A lt e r n a l s b i o l o g i s c h e r V o r t e i l Die Oma-Evolution Evolutionstheoretisch scheint es sinnlos, dass der Mensch weit über sein gebärfähiges Alter hinaus lebt. Ein Irrtum, wie die Forschung zeigt. Macht es aus evolutionärer Sicht Sinn, dass der Mensch im Gegensatz zu den meisten anderen Lebewesen weit über jene Phase hinaus lebt, in der er fähig ist, Nachwuchs zu erzeugen? Für Männer stellt sich diese Frage weniger, denn sie behalten ihre Zeugungsfähigkeit bis ins hohe Alter. Warum aber gibt es für Frauen ein langes Leben jenseits der Re- produktionsfähigkeit? Erfahrener, klüger, gelassener Laut Großmutterthese spielen Großmütter für die Enkel auch evolutionär eine einzigartige Rolle. Sie haben meist viel mehr Zeit als die jüngeren Eltern, sind emotional positiver gestimmt und ausgeglichener. Außerdem verfügen sie über ein hohes Erfahrungswissen. Diese altersspezifischen Kompetenzen sind ein evolutionärer Vorteil, weil sie sehr effizient zum Aufwachsen der übernächsten Generation beitragen. Da nur die fitten Großmütter so lange aktiv sind, erhöht sich damit auch die Chance, diese genetische Veranlagung für ein hohes Alter zu vererben. Tatsächlich konnten Anthropologen bei Forschungen in traditionellen Gesellschaften zeigen, dass Frauen, die von ihren Müttern unterstützt werden, mehr Kinder zur Welt bringen und sie auch besser ernähren können. Auffällig bei diesen Untersuchungen war auch, dass die Lebens- erwartung der Großmütter von dem Zeitpunkt an stark zurückging, an dem die eigenen Kinder das Ende ihrer fruchtbaren Jahre erreichten. Dies gilt als weiterer Hinweis auf das evolutionär sinnvolle Investment in die Langlebigkeit des Menschen. Freie Radikale sind Moleküle mit mindestens einem ungepaarten Elektron, die deshalb leicht Verbindungen mit anderen Molekülen eingehen. Sie entstehen bei normalen Stoffwechselvorgän- gen wie Atmungs- und Verbrennungsprozessen ebenso wie durch äußere Einflüsse wie UV-Licht oder Rauchen. Schätzungsweise verursachen freie Radikale beim Menschen pro Tag und Zel- le etwa 10.000 DNA-Schädigungen. Zunächst können sie durch das zelleigene Reparaturpro- gramm behoben werden, doch irgendwann ist die Zelle so geschädigt, dass sie nicht mehr richtig funktioniert. Der Zusammenhang zwischen der übermäßigen Produktion von freien Radikalen und dem Alterungsprozess oder dem Auftreten von degenerativen Erkrankungen wie Arteriosklerose oder Krebs ist wissenschaftlich bewiesen. fig.: Die Evolution lässt Mütter länger leben. Das hat gute Gründe. Vor allem ist es deren Kompetenz in der Lebensbegleitung der Enkel. Ab 30 geht’s bergab Mit Überschreiten dieser Altersgrenze beginnt im Organismus ein langsam fortschreiten- der physiologischer Abbauprozess, der mit einer zunehmenden Anfälligkeit für Krankhei- ten verbunden ist. Bei gesunden Menschen über 60 Jahren > hat die Herzleistung um 50% abgenom- men, > das Herzschlag volumen um 30%, > die Vitalkapazität der Lunge um 50%, > die maximale Sauerstoffaufnahme der Lunge um ca. 65%, > die Gehirndurch blutung um 20%, > das Nierengewicht um 30%, > die Filtrationsrate der Niere um 40%, > die Muskelmasse um 30%, > die maximale Dauerleistung der Muskulatur um 60%. Unverändert bleiben dagegen das Gehirn- volumen und die totale Lungenkapazität. U t z K a p p e r t / r u t h s t r a s s e r 2 0 11 29
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